Harry Tomlinson ist der Beweis für die These, daß eine große Karriere durchaus mit einem Mangel beginnen kann: Tomlinsons Interesse für Bonsai begann in den späten Fünfzigern und sogleich verärgerte ihn der Umstand, daß es keine ausreichende Literatur zum Thema Bonsai gab. Wie er sich damals beholfen hat, habe ich nicht herausfinden können, aber bereits in den Siebzigern unterrichtet Tomlinson die Kunst der Bonsaigestaltung und erwirbt sich erste Anerkennungen durch die hohe Qualität seiner ausgestellten Bonsai.
1978 machte Harry Tomlinson sein Hobby zum Beruf. Seit dieser Zeit hat er einige Bücher geschrieben, welche in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden und betreibt sehr erfolgreich das »Greenwood Bonsai Studio« am Rande des Sherwood Forrest nördlich von Nottingham. Er wird weltweit als Demonstrator geschätzt und ist Gründer und Ehrenpräsident der »East Midlands Bonsai Society«.
Dies ist die deutsche Übersetzung des englischen Standardwerkes »The Complete Book of Bonsai«, erstmals veröffentlicht im Jahre 1990. Der Originaltitel trifft den Nagel auf den Kopf: Es handelt sich tatsächlich um das komplette Buch zum Thema Bonsai!
Harry Tomlinson benötigt knapp 100 Seiten seines Werkes, um den Bogen über die Historie der Bonsaikunst über die grundlegenden Überlegungen biologischer Zusammenhänge bis zu detaillierten Beschreibungen einzelner Bonsaitechniken zu schlagen. Danach folgt auf weiteren 100 Seiten eine exakte Beschreibung von 60 ausgewählten, zur Gestaltung geeigneten Pflanzenarten mit ihren speziellen Eigenarten und Anforderungen, eine Erläuterung der regelmäßig durchzuführenden Pflegemaßnahmen sowie eine kurze aber intensive Abhandlung über Vermehrungstechniken. Die letzten 20 Seiten des vorliegenden Werkes erwähnen noch weitere 300 bonsaigeeignete Gehölze und schließen mit den für Bücher in diesem Umfang üblichen Erklärungen der Fachbegriffe und einem gut strukturierten Stichwortregister.
Ich zähle »Bonsai - Gestaltung und Pflege« von Harry Tomlinson zu den besten Büchern zum Thema Bonsai, welche zur Zeit erhältlich sind. Es behandelt die beschriebenen Inhalte erschöpfend, ohne das seine Lektüre ermüden würde. Vielmehr bietet es knapp aber vollständig dargestelltes Hintergrundwissen sowie exakte Anweisungen für die eigene praktische Arbeit. Ich empfehle dieses Buch besonders Anfängern, welche kaum Gelegenheit besitzen, sich mit anderen Bonsaifreunden auszutauschen, da es für das Selbststudium sehr gut geeignet ist.
Nicht unerwähnt lassen möchte ich eine Verballhornung, welche sich vermutlich nach der Übersetzung eingeschlichen haben wird: Der kalkabweisende Baum! Dabei handelt es sich keineswegs um den oftzitierten Lotoseffekt, welchen ich mir in dieser speziellen Art durchaus für meine Badezimmer-Armaturen oder meine Weingläser wünschen würde. Vielmehr sind damit die Moorbeet-Pflanzen gemeint, welche Kalk nicht nur nicht abweisen, sondern darüber hinaus noch nicht einmal vertragen können. Dem Übersetzer Horst Stahl wird dieses Mißgeschick kaum passiert sein, der Verlag täte aber gut daran, die Ursache zu ermitteln und abzustellen sowie eine Korrektur des Manuskriptes bis zur nächsten Auflage sicherzustellen.